Folge #9 – Bist auch du noch ein Höhlenmensch?

Am letzten Wochenende war ich auf der Shanghai Automotive Show. Interessante Veranstaltung, vor allem wenn man, so wie ich, ein Autonarr ist. Naja. Um ehrlich zu sein, wollte ich schon nach 10 Minuten wieder zurück in meine Wohnung. Dieses abartige Gedränge hat mich wahnsinnig gemacht. Ohne zu übertreiben, teilweise wurden Leute gewalttätig (Ellbogeneinsatz) nur um bei Lamborghini, Ferrari oder Mercedes in der ersten Reihe zu stehen und einen Blick aus nächster Nähe auf diese (zugegeben ästhetisch geformten) Blechhaufen zu erhaschen. Vollkommen irre, wenn man so drüber nachdenkt. Man hätte glauben können, es wäre eine Hungersnot ausgebrochen und in der ersten Reihe vor dem „Fahrzeuggehege“ gäbe es kostenlos Brot und Wasser. Aber es ging nur darum, einen Blick zu erhaschen – auf etwas, was in der realen Welt, die Naturgesetzen etc. unterliegt, absolut keinen Wert hat. Eigentlich existieren unsere „Marken“ nicht mal. Sie existieren nur subjektiv in unseren Köpfen, weil wir von klein auf damit konditioniert werden.

Dem Höhlenmensch wäre der Ferrari scheißegal. Aber – Yuval Noah Harari erklärt es in seinem Buch „Sapiens – A Brief History of Humankind“ sehr treffend – auch dem Höhlenmensch ging es nicht nur um objektiv wertvolle Sachen wie Nahrung oder ein Dach über dem Kopf. Schon unsere Vorfahren wurden sozial konditioniert, gewisse Götzen anzubeten. Und das ist gut so – denn sonst wäre der Mensch heute nicht da, wo er ist. Götzenbilder (Religionen, Marken, Nationen) sind wichtige Werkzeuge, um tausende, sogar Millionen und Milliarden von Menschen von einem gemeinsamen Ziel zu überzeugen und so die Macht von einzelnen Individuen zu einer kollektiven, unschlagbaren Kraft zu vereinen. So ist es unserer Spezies gelungen, die Kontrolle über den Planeten zu erlangen, weshalb wir heute bis auf wenige Ausnahmen praktisch keinerlei objektive Sorgen mehr haben müssen.

Der Unterschied – heute dienen die Götzenbilder wie BMW, Mercedes, Armani, Rolex und wie sie auch immer alle heißen – nicht mehr dazu, ein gemeinsames Ziel für die Spezies zu generieren, sondern einigen wenigen unendliche Macht (monetären Reichtum und Einfluss) zu verschaffen. Die Werbung konditioniert uns dazu, uns zu versklaven und uns hoch zu verschulden, um den vermeintlichen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Fußballfans prügeln sich mit Anhängern anderer Mannschaften, verfallen in Wut oder Depression wenn ihr Verein verliert und werden so unfähig, die Kontrolle über ihr EIGENES Leben zu erhalten und religiöse Extremisten sind zu einer existenziellen Bedrohung für uns alle geworden, weil sie Andersdenkende um jeden Preis auslöschen wollen.

Unsere Empfänglichkeit für diese Götzenbilder ist also evolutionär bedingt und tief in unseren Instinkten verankert. Und noch heute ist z.B. die Religion für den einen oder anderen ein wichtiger Rettungsanker in schwierigen Lebenslagen. Die begehrten Luxuskarossen begründen einen wichtigen Wirtschaftssektor, ohne denen unter anderem mein eigener Arbeitsplatz nicht existieren könnte. Allerdings, so finde ich, sollte man vorsichtig und reflektiert mit diesen menschgemachten Versuchungen umgehen. In China – und sicherlich auch in Deutschland – soll es geringverdienende Leute geben, die im Kampf nach einem „höheren“ sozialen Status Kredite mit 30 Jahren Laufzeit für einen BMW aufnehmen. Das ist eine Form von Götzentum, die dem Individuum größtmöglichen Schaden zufügt. Religiöser Fanatismus, der bis zum Selbstmordattentat führt, schadet jedem einzelnen, verdammt nochmal nichts und NIEMAND auf diesem Planeten profitiert davon.

Mein Appell: Sei dir bewusst, dass du biologisch noch sehr viel mit dem Höhlenmensch gemeinsam hast. Dein Instinkt wird dich zu den selben Aktionen führen wie unsere Vorfahren. Deshalb: Reflektiere deine Denkmuster. Überlege zweimal vor Konsumkäufen. Ist die Qualität des überteuerten Markenprodukts tatsächlich so viel höher als die des No-Name-Produkts, dass es den doppelten Preis rechtfertigt? Hängt mein persönliches Lebensglück wirklich vom Erfolg des FC Bayern ab? Macht es Sinn, passiv zu leben in der Hoffnung dass Jesus dafür sorgt, dass es mir eines Tages besser gehen wird?

Lasst uns die Vorteile unserer menschgemachten Realität nutzen, denn die menschliche Vorstellungskraft ist immens und hat uns unseren luxuriösen Lebensstil erst ermöglicht und wird uns auch in Zukunft dabei helfen, in unvorstellbare Sphären vorzustoßen. Doch Vorsicht ist geboten – denn nicht alles was glänzt ist Gold!

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