Folge #2 – Nicht alles ist kunterbunt und superschön – Warum ich trotzdem superdankbar bin

Puh – was für ein krasser Tag heute! Ein Wechselbad der Gefühle. Und wahrscheinlich nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mich hier noch erwartet. Noch immer macht mich tagsüber der Jetlag fertig – 7 Stunden Zeitverschiebung sind eben kein Piece of Cake.

Nun gut, heute um kurz nach 17 Uhr begann mein erstes Wochenende in China. Nachdem es am Morgen noch schönstes Wetter und klarer Himmel sowie neutralriechende Luft gab, hat sich die Situation jetzt geändert. In der Stadt herrschte Smog. Fuck. Dieser beißende Duft ließ mich kurzzeitig tiefste Abneigung gegenüber meiner Entscheidung, hier ein halbes Jahr zu verbringen, spüren. Naja, immerhin wollte mein einheimischer Kollege mit mir essen gehen. Die Restaurants, die es hier an fast jeder Ecke gibt, wirkten auf mich allerdings teilweise richtig abstoßend. Im Schlaraffenland Europa würden die allermeisten davon vom Gesundheitsamt verboten werden. Das war auch der Grund, warum ich meinem armen Kollegen Mal um Mal sagte, dass ich hier nicht essen möchte. Mein verwöhnter Magen drehte sich schließlich schon beim Gedanken an die Hygienezustände fast um. Und eigentlich wollte ich jetzt nur noch zurück in mein Apartment und mich für die nächsten Tage nicht mehr blicken lassen, so entsetzt war ich. Ganz schön dumm von mir. An dieser Stelle traurig zu resignieren, wäre wohl einer der größten Fehler meines Lebens gewesen. Denn das was danach alles passiert ist, war einfach nur noch toll!

Denn das nächste Restaurant, in das er mich schleppte, überzeugte mich. Und wie. Es gab Reisnudeln mit Zwiebeln und Rindfleisch. Es war so lecker, dass ich den kompletten Teller aufgegessen habe 🙂 Wow!

Dann zeigte mir mein Kollege noch einen großen Supermarkt. Ganz in der Nähe meiner Wohnung! Ich bin also ab jetzt in der Lage, ein halbwegs selbstständiges Leben am anderen Ende der Welt zu führen. Nochmal Wow!

Letztenendes hat es sich ausgezahlt, die überwältigen Eindrücke auf mich wirken zu lassen und geduldig zu bleiben. Das ist auch der Grund, warum ich mehr als dankbar dafür bin, hier sein zu können und die Welt von einer anderen Seite kennenlernen. Schon nach weniger als einer Woche wird mir immer mehr bewusst, wie schön wir es zuhause in Deutschland haben. Wir haben es zu schön. Wir brauchen wesentlich weniger, als wir haben. Dennoch sind wir oft unzufrieden, regen uns über das buchstäbliche Haar in der Suppe auf. Warum eigentlich? Es gibt tausende, wenn nicht Millionen von Gründen dankbar zu sein für das was wir haben. Die meisten davon nimmt man in Deutschland einfach nicht wahr, weil der allgegenwärtige Luxus überhandgenommen hat und die Kleinigkeiten, die aber letztenendes den wirklichen Unterschied machen, in diesem Sumpf aus Überstimulierung gar nicht mehr realisiert werden können.

Als Gedankenanstoß einige Beispiele, für die man in Deutschland dankbar sein MUSS: Trinkbares Leitungswasser, die Fähigkeit lesen zu können (Schriftzeichen kann ich leider nicht entziffern), beheizbare Häuser, frische Luft.

Ich persönlich bin im Moment dankbar für all diese Erfahrungen. Für diese unglaublich herzlichen Menschen. Für ganz neue kulinarische Erfahrungen, denn die chinesische Küche bietet offensichtlich eine unfassbare Vielfalt. Für eine spannende, herausfordernde Aufgabe in meinem Beruf. Und für all das, was dieses einzigartige Land noch für mich bereit hält.

Zaijian, bis bald und viel Spaß!

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